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Dienstag 04.04.2023, ..Borussia Magazin,Interview mit Trainer Jan Zimmermann und Ingo Preuss..Copyright:.Mareen Meyer

Interview

Der andere Weg nach oben – Jan Zimmermann und Ingo Preuß im Interview

Seit Anfang Februar ist Jan Zimmermann Trainer der U23. Seither bringt der 43-Jährige die Zweite in der 3. Liga auf Kurs. Der Klassenerhalt war das Ziel. In den ersten Wochen hat er der Mannschaft gemeinsam mit dem Sportlichen Leiter Ingo Preuß wichtige Leitplanken gegeben. Ein Gespräch über kurz- und mittelfristige Ziele der Mannschaft, auch darüber, wofür die U23 beim BVB steht – und einen Spieler, der genau dieses Sprungbrett genutzt hat.

Schon beim Betreten der Geschäftsstelle Sport in Brackel liegt ein süßlicher Duft in der Luft. Kein Zweifel: Beim BVB wird an diesem Tag gebacken – es gibt Waffeln am Stiel. Deren wohliges Aroma bahnt sich selbst unter der Feuerschutztür ihren Weg. In der Küche angekommen, wandert der Blick von Ingo Preuß über die Auslage. „Keine Sahne?“, erkundigt sich der Sportliche Leiter der U23. Die Frage bleibt unbeantwortet. Aber Preuß stellt rasch fest: Auf das Sahnehäubchen muss er an diesem Tag tatsächlich verzichten. Die flüssige Schokolade, in die er die frischen Waffeln am Stiel eintauchen kann, verschmäht er. Auch Jan Zimmermann lässt sich die Waffeln ohne alles schmecken. Seit Februar ist der neue Trainer der U23 im Amt. Seither möchte er das schaffen, was die Waffeln an diesem Tag machen: einen duften Eindruck hinterlassen. Aber natürlich geht es ihm um weit mehr als das.

Jan, Du hast 2019 Deine Ausbildung zum Fußball-Lehrer gemacht. Was war Dein Hauptantrieb dafür, Trainer zu werden?

ZIMMERMANN: „Ich glaube, ich war als Spieler zwar talentierter als viele andere, habe aber gemerkt, dass ich nie einen Trainer hatte, der mir erklärt hat, warum man die Dinge so machen sollte, wie er sie vorgibt. Ich habe im Training immer nur darauf gewartet, dass wir Torschuss oder ein Spiel machen, was mir Spaß gemacht hat, aber ich habe nie den Transfer vom Training zum Spiel hergestellt. Ich habe mir später die Frage gestellt: Warum ist aus dir als Spieler eigentlich nie so richtig was geworden? Als Trainer habe ich verstanden, was ich als Spieler hätte gebrauchen können. Deshalb habe ich mir vorgenommen, es als Trainer selbst anders zu machen und bei meinen Spielern das Verständnis dafür zu wecken, warum und wofür man in der Woche trainiert, was für einen Mehrwert man für sich persönlich und für die Mannschaft schaffen kann. Es geht im Kern um drei Dinge: Was weiß ich als Trainer? Was braucht meine Mannschaft? Und was kann ich ihr vermitteln? Ich habe erst eine normale Ausbildung gemacht und eine betrieben. Parallel war ich Fußball-Trainer und habe gemerkt, dass mir das Spaß macht, und irgendwann war mir doch relativ schnell klar, dass ich den Fußball-Lehrer machen möchte. Aber es war nicht mein Ziel, Profitrainer zu werden. Mein Ziel war es, alle Lizenzen zu haben, um selbst entscheiden zu können, ob ich mal etwas in dieser Richtung mache oder nicht. Ich wollte diesen Weg einfach mal ausprobieren.“

Du warst zuletzt bei Hannover 96, davor beim TSV Havelse und bei Germania Egestorf/Langreder. Welche Erfahrungen Deiner bisherigen Laufbahn kannst Du beim BVB einbringen?

Am Ende hat der Trainerjob viel mit Erfahrung zu tun. Es hilft, dass man viele Situationen schon mal erlebt hat, um sie bewerten zu können. Ich habe über zehn Jahre Erfahrung im Umgang mit vielen jungen Spielern, was hier bei Borussia Dortmund natürlich ein wichtiger Punkt ist. Klar geht es immer um Ergebnisse, aber das Spiel am Wochenende ist ja nur ein kleiner Teil der Arbeit. Man sieht die Jungs beinahe jeden Tag und möchte ihnen auch in der persönlichen Entwicklung helfen, weil sie das auch in ihrer sportlichen Entwicklung vorantreibt.“

Du selbst hast einen 18-jährigen Sohn. Die meisten Deiner Spieler sind nur unwesentlich älter. Wie viel vom Vater Jan Zimmermann steckt im Trainer Jan Zimmermann?

„Als Trainer muss ich die sportliche Leistung auf dem Platz betrachten, aber ich versuche, auch stets den Menschen zu sehen. Ich werde älter, der Abstand zu den Spielern wird somit immer größer. Ich glaube. Es schadet deshalb nicht, gewisse Dinge schon mit seinem eigenen Kind erlebt zu haben, weil ich beurteilen kann, was alles in diesem Alter von außen auf die Jungs einwirkt. Das hat dann nicht immer etwas mit Fußball zu tun. Ich will ständig mit den Jungs im Austausch sein. Je mehr ich über sie weiß, desto besser kann ich bewerten und einordnen, warum manche Sachen funktionieren oder auch nicht. Am Ende geht es für mich auch darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen, indem sie gerne und selbstbewusst Fußball spielen.“

Als Du die U23 übernommen hast, stand die Mannschaft in der 3. Liga auf Platz 16. In 21 Spielen hatte sie lediglich 17 Tore erzielt und zwölf Niederlagen kassiert. Es gibt sicherlich einfachere Betätigungsfelder mit besseren Erfolgsaussichten. Was hat Dich an der Aufgabe gereizt?

„Nach meiner letzten Station bei Hannover 96 habe ich mich intensiv damit beschäftigt, was für mich der nächste Schritt sein kann. Borussia Dortmund als großer Klub mit professionellen Strukturen ist für mich und für meine persönliche Entwicklung als Trainer natürlich sehr spannend. Ich hatte mit Ingo Preuß ein sehr gutes, offenes und vertrauensvolles Gespräch und bin in meinem Leben fast immer gut damit gefahren, auf meinen Bauch zu hören. Nach dem ersten Gespräch hatte ich das Gefühl, dass ich das unbedingt machen will. Und ich sehe durchaus eine Menge Potenzial in der Mannschaft.“

Hat sich dieses gute Gefühl nach den ersten Wochen beim BVB bestätigt?
„Auf jeden Fall. Wie offen und herzlich ich aufgenommen wurde, wie hilfsbereit alle waren, welche Nähe hier in kurzer Zeit entstanden ist, das war schon überraschend positiv und hat mir den Einstieg deutlich leichter gemacht. Die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten – mit Ingo Preuß, Edin Terzic, Sebastian Kehl und Otto Addo – macht mir großen Spaß. Wir haben einen regelmäßigen, sehr engen und guten Austausch. Ich versuche Edin und die Profi-Abteilung im Rahmen meiner Möglichkeiten als U23-Trainer optimal zu unterstützen.“

Ingo, nach der Trennung von Christian Preußer im Februar musste rasch ein neuer Trainer gefunden werden. Welche Kriterien waren dabei ausschlaggebend?
PREUSS: „Ich habe mich mit Jan in einem Restaurant in Düsseldorf getroffen. Dabei hat er mir auf dem Laptop einige Inhalte und Statistiken zu unserer Mannschaft gezeigt, die mich überzeugt haben. Was er mir anhand der Daten aufgezeigt hat, war sehr interessant und aufschlussreich. Aber das allein entscheidet nicht darüber, ob wir einen Trainer für unsere U23 verpflichten oder nicht. Ich muss vor allem auch das Gefühl bekommen, dass da jemand vor mir sitzt, der mit den Spielern klarkommt. Darauf habe ich bei der Trainerwahl immer sehr viel Wert gelegt.“

Michael Skibbe, Horst Köppel, Theo Schneider – die Liste prominenter Trainer der U23 von Borussia Dortmund ist lang. Allein in der jüngeren Vergangenheit schafften in Hannes Wolf, David Wagner, Daniel Farke, Jan Siewert und Enrico Maaßen gleich fünf Trainer aus dem schwarzgelben Unterbau den Sprung in die Bundesliga oder die englische Premier League. Das habe aber bei seiner Entscheidung für Schwarzgelb keine Rolle gespielt, versichert Jan Zimmermann. „Wenn man auf meinen Werdegang schaut, hatte ich bis auf mein kurzes Engagement in Hannover immer Stationen, in denen ich lange tätig war, weil ich mich dort wohl gefühlt habe. Ich hätte die Chance hier in Dortmund nicht wahrgenommen, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, hier nicht hinzupassen. Ich fühle mich super wohl und habe nicht das Ziel, in naher Zukunft wieder woanders hinzugehen“, sagt der 43-Jährige. Dennoch: Die U23 des BVB hat sich als Karriere-Sprungbrett bewährt – für Übungsleiter gleichermaßen wie für Spieler.

Ingo, die Arbeit als Sportlicher Leiter der U23 geht einher mit regelmäßigen personellen Wechseln. Welche Eigenschaften sind Dir bei der Verpflichtung von Spielern wichtig?

PREUSS: „Ganz wichtig ist mir zu betonen, dass ich nicht allein die Entscheidungen treffe. Das machen wir gemein- sam. Der Trainer, die Scouting-Abteilung und auch ich machen Vorschläge, und dann tauschen wir uns über die potenziellen Neuzugänge aus. Es ist mir sehr recht, dass wir das zusammen machen, weil die unterschiedlichen Einschätzungen enorm wichtig sind und ich nicht davon überzeugt bin, immer alles richtig zu machen. Bei der Wahl eines Spielers ist uns wichtig, dass er unbedingt für Borussia Dortmund spielen will. Wir haben in der Vergangenheit Fußballer geholt, bei denen jeden Tag die Augen leuchten und die sich freuen, dass sie beim BVB spielen können. Das gilt auch für Jungs, die aus unseren U-Teams zu uns stoßen. Die müssen das gleiche Gefühl haben. Die dürfen nicht schon satt sein, die müssen sich jeden Tag darüber freuen, dass sie beim BVB sind.“

Beim BVB können alle Jungs gut Fußball spielen, aber nur die Wenigsten schaffen den Sprung nach ganz oben. Was macht den entscheidenden Unterschied aus, wer es letztlich packt und wer nicht?

„Ein Patentrezept dafür gibt es nicht, weil dafür zu viele Faktoren eine Rolle spielen. Es geht um Talent, das ist das A und O. Es geht darum, die richtige Einstellung mitzubringen, mit allem, was dazugehört. Das wird heute oft unter dem Modewort Mentalität zusammengefasst. Dazu gehört aber auch das Glück, den richtigen Trainer zu haben und in eine Mannschaft zu kommen, die funktioniert und dann dort gefördert zu werden. Voraussetzung ist es natürlich auch, verletzungsfrei zu bleiben. Wer nicht gesund ist, hat ohnehin keine Chance. Du musst physisch auf einem Top-Level sein, um es in der Bundesliga hinzukriegen. Wenn diese Punkte zusammenkommen, hat man eine gute Chance.“

„Ballbesitz muss zielführend sein. Ich möchte einen Rahmen schaffen, in dem sich die Spieler wohlfühlen.“

Seine Trainerkarriere begann Jan Zimmermann (43) als Spielertrainer beim 1. FC Germania Egestorf/Langreder, den er bis in die Regionalliga führte. Nach sieben Jahren wechselte er zum TSV Havelse, mit dem er in die 3. Liga aufstieg und Niedersachsen-Pokalsieger wurde. Von Juli bis November 2021 war Zimmermann in seiner Heimatstadt Trainer beim Zweitligisten Hannover 96. 

In den vergangenen Jahren haben es immer wieder eigene Talente aus dem Nachwuchsbereich zu den Profis geschafft. Daraus erwächst eine hohe Erwartungshaltung – auch an die U23. Ist die eigentlich berechtigt?

„Wenn es so wäre, dass wir pro Saison einen Spieler in den Profikader bekämen, wäre das schon eine Top-Bilanz. Das ist fast nicht zu schaffen, weil wir in der Regel in der U23 nicht die Spieler haben, die direkt in den Profikader kommen, sondern die, die sich über den sogenannten zweiten Bildungsweg höhere und bessere Ligen erarbeiten können. Die meisten Toptalente springen direkt zu den Profis wie etwa Jamie Bynoe-Gittens. Jadon Sancho hat zwar noch ein paar Spiele bei uns in der U23 absolviert, aber all diese Jungs wurden ja auch direkt für die Profis verpflichtet. Dann gibt es aber natürlich auch Spieler wie Ansgar Knauff. Er hat schon in Jugend viele Jahre für uns gespielt und ist dann in die U23 gekommen. Wenn man wie in seinem Fall eine Entwicklung begleiten kann, so dass sie am Ende zu den Profis führt, dann ist das genau das, wofür unsere U23 stehen soll.“

Warum ist dieser „zweite Bildungsweg“, wie Du ihn nennst, so wichtig für Spieler, die nicht auf Anhieb den Sprung aus der U19 in den Profibereich schaffen?

„Weil es in erster Linie um Spielpraxis auf einem bestimmten Niveau geht und darum, dort Woche für Woche konstant Leistung abliefern zu müssen. In der U23 können diese Spieler erleben, wie sich der Kampf um Punkte, der Kampf gegen den Abstieg oder um den Aufstieg anfühlt. All das bringt sie in ihrer Entwicklung weiter.“

Ist diese Saison, so anstrengend sie bislang auch gewesen sein mag, genau deshalb besonders wertvoll für die Spieler?

ZIMMERMANN: „Für die Erfahrung gerade der jungen Spieler ist sie ein großer Mehrwert. Von außen wird die 3. Liga häufig unterschätzt, aber sie ist eine absolute Profiliga, in der gerade unsere jungen Spieler sich mit abgezockten Leuten messen müssen und in der jeder Fehler hart bestraft wird. Es ist natürlich ein schmaler Grat zu sagen, was für die Entwicklung junger Spieler besser ist – ob sie um den Aufstieg oder gegen den Abstieg spielen. Aus meiner Sicht ist es aber absolut sinnvoll, die Spieler auf höchstem Niveau spielen zu lassen. Daraus können sie ganz viel ziehen.“

Warum ist die 3. Liga aus Sicht des Vereins optimal für die Entwicklung?
ZIMMERMANN: „Für Außenstehende ist oft schwer nachzuvollziehen, dass unsere U19 in den vergangenen Jahren immer sehr erfolgreich gewesen ist, es aber trotzdem schwer für diese Jungs ist, in der 3. Liga Fuß zu fassen. Da kann man sich schon die Frage stellen: Wäre die Regionalliga als nächster Schritt einfacher für diese Spieler? Dann muss man sich aber auch fragen: Will man für andere Klubs ausbilden oder will man schauen, welche Spieler wirklich das Zeug haben, in Dortmund bei den Profis zu spielen? Der Sprung aus der U19 zu den Profis ist sehr groß, deshalb ist die 3. Liga als Zwischenstation absolut sinnvoll.“

PREUSS: „Ich möchte das komplett unterstreichen. Die Spieler, egal wie alt sie sind, die über einen längeren Zeitraum in der 3. Liga den Kopf rausstrecken aus der Masse, die schaffen es auch bis in die Bundesliga. Dafür gibt es bei uns genügend Beispiele. Ich denke an Steffen Tigges, Ansgar Knauff, Kerem Demirbay, Jonas Hofmann, Marvin Ducksch, Tobias Raschl, Immanuel Pherai oder Marcel Halstenberg. Die Sicherheit, sagen zu können, dass ein Spieler für die Profis geeignet ist, ist in der 3. Liga einfach höher als in der Regionalliga West, obwohl auch diese Liga nicht unterschätzt werden darf. Denn auch dorthin strömen immer wieder NLZ-Spieler.“

Die U23 hat bei Borussia Dortmund eine Scharnierfunktion. Sie ist das Bindeglied zwischen Nachwuchs und Profis. Das macht die Arbeit gleich in mehrfacher Hinsicht herausfordernd. Talente aus der U19 wie zuletzt Nnamdi Collins und Tom Rothe sollen wertvolle Spielpraxis sammeln. Dasselbe gilt auch für die Akteure aus dem Profi- Kader, die zuletzt wenig Einsatzzeiten erhalten haben oder aus einer Verletzung zurückkommen. Das aber ist nicht die einzige Prämisse. Trotz des übergeordneten Gedankens, die Weiterentwicklung der Spieler voranzutreiben, unterliegt die U23 den Gesetzmäßigkeiten des Wettbewerbs. Sie muss in der 3. Liga Punkte sammeln. Eine anspruchsvolle Aufgabe.

Jan, als Trainer der U23 musst Du einerseits loyal sein und alles dafür tun, die Profis und die U19 im Rahmen deiner Möglichkeiten zu unterstützen. Andererseits hast Du auch eigene Ziele und Ambitionen. Wie nimmst Du diesen Spagat wahr?

ZIMMERMANN: „Man weiß ja ungefähr, was einen erwartet, wenn man sich darauf einlässt. Beim BVB sind die Türen in beide Richtungen offen, es geht immer um einen Austausch mit den Profis und mit der U19. Darüber hinaus haben wir unsere Toptalente-Trainer. Es geht am Ende also viel um interne Kommunikation, aber auch die richtige Kommunikation mit den Spielern. Für mich als Trainer ist es ganz wichtig, Transparenz zu schaffen, meinen Jungs zu erklären, dass Änderungen in der Aufstellung oder in den Trainingsgruppen von Woche zu Woche nicht unbedingt immer etwas mit der Leistung zu tun haben. Auch nach einem richtig guten Spiel nehmen wir womöglich einige Veränderungen vor, weil ein Spieler aus dem Profikader dazukommt. Das gehört einfach dazu. Ich akzeptiere das, und wenn ich es meinen Spielern vernünftig kommuniziere, akzeptieren sie es auch. Und eines muss man auch festhalten: Der BVB hat so viele talentierte Spieler, dass ich es immer wieder schaffe, eine gute Mannschaft auf den Platz zu stellen.“

In den vergangenen Wochen trägt das Spiel der U23 eindeutig Deine Handschrift. Welche Spielidee soll die Mannschaft auch perspektivisch verkörpern?

„Man muss als Trainer immer schauen, welche Fähigkeiten die eigenen Spieler haben und wie sie diese bestmöglich einbringen können, damit die Mannschaft erfolgreich Fußball spielt. Ich glaube, mittlerweile kann man bei uns ganz gut erkennen, dass es darum geht, mit dem Ball schnell und zielstrebig und gegen den Ball kompakt zu sein. Es geht darum, das zu verfeinern und nachhaltig Konstanz in die Leistungen zu bringen.“

Du warst in Deiner aktiven Zeit Offensivspieler. Inwieweit fließt das in Deine grundsätzlichen Vorstellungen ein?

„Meine Idee ist, dass Ballbesitz zielführend sein muss. Ich bin kein Trainer, der es mag, wenn sein Team drei Minuten den Ball hat, aber nur in der eigenen Hälfte hin- und herspielt. Ich möchte, dass man erkennt, dass die Mannschaft das Ziel hat, Tore zu schießen. Ich möchte, dass wir aktiv sind und nicht nur um unseren eigenen Strafraum herum- stehen und darauf hoffen, dass der Gegner keine kluge Idee hat. Das kann man auch, wenn man nicht den Ball besitzt, indem man ein aktives Anlaufen hat. Das heißt nicht, dass wir immer sofort vorne anlaufen, sondern dass wir eine klare Idee haben, wie wir mit dem Ball zum Tor kommen, und wenn wir ihn nicht haben, wo und wie wir ihn zurückerobern können. In der 3. Liga geht es darum, die eigenen Fehler zu minimieren und die des Gegners zu bestrafen. Seit meinem Antritt ist die Passquote schlechter geworden, weil wir im letzten Drittel mit mehr Risiko, mit mehr Zug zum Tor spielen wollen und dann vielleicht der eine oder andere Pass nicht ankommt. Aber es geht mir um Zielstrebigkeit. Manche Mannschaften haben 60 Prozent Ballbesitz und fragen sich hinterher, warum sie das Spiel verloren haben, obwohl sie auf dem Papier doch so dominant waren. Mir ist wichtig, in offensiven Räumen zielstrebig zu sein.“

Inwieweit kannst Du an dieser Philosophie festhalten, wenn es Jahr für Jahr bei der U23 altersbedingt starke personelle Umbrüche gibt?

„Je länger ich da bin und je besser die Verzahnung mit den Profis ist, desto einfacher wird es. Ich erhoffe mir von der Sommer-Vorbereitung und einem guten Austausch mit Edin Terzic, dass wir unsere Spielweise der der Profis ein Stück weit anpassen. Da sind wir gerade schon dabei, damit die Übergange deutlich einfacher werden. Denn es geht ja nicht nur darum, dass Profis runterkommen, um bei uns Spielpraxis zu sammeln, sondern wir wollen natürlich auch die Tür aufmachen für die Jungs, die es bei uns gut machen und oben eine Chance bekommen sollen. Je näher unsere Idee vom Fußball dann die der Profis ist, desto einfacher ist es für unsere Spieler, oben Fuß zu fassen.“

Das aber ist Zukunftsmusik. Bis Ende Mai geht es für Jan Zimmermann und Ingo Preuß darum, nach einer turbulenten Saison mit der U23 den Klassenerhalt in der 3. Liga unter Dach und Fach zu bringen. Nach dem Interview benötigt die Fotografin noch ein paar Motive der beiden. Da es in Strömen regnet, fällt die ursprüngliche Idee, diese auf dem Rasen zu schießen, ins Wasser. Stattdessen geht es in den Aufenthaltsraum der Scoutingabteilung. Dort auf dem Tisch steht ein Schüsselchen mit Nüssen und Mandeln. „Wir haben bei uns zu Hause manchmal ein Eichhörnchen im Garten. Also habe ich ihm neulich ein paar Mandeln rausgeworfen, damit es was zu futtern hat“, verrät Ingo Preuß. Daraufhin habe ihn seine Frau ermahnt, Eichhörnchen dürften keine Mandeln fressen, weil darin Blausäure enthalten sei – und die sei giftig für die Tiere. „Also habe ich jede einzelne Mandel wieder vom Rasen aufgesammelt.“ Seine Arbeit bei der U23 dürfte ihm manchmal genauso vorkommen wie die Episode mit dem Eichhörnchen. Es ist gut gemeint, aber dann klappt etwas nicht so, wie man sich das vorgestellt hat, und er muss korrigierend eingreifen. So wie in dieser Saison beim Trainerwechsel...

Apropos... Hast Du Dir vom gelernten Versicherungskaufmann Jan Zimmermann eigentlich eine Police geben lassen, um Dich abzusichern, falls es mit dem Klassen- erhalt nichts wird?

PREUSS (lacht): „Selbstverständlich. Einen Garantieschein hast du sonst in aller Regel ja nicht. Aber diese Police haben wir natürlich abgeschlossen. Denn ich will meinen Lebensabend schon nett verbringen, wenn das in die Hose gehen sollte...“

Autor: Cedric Gebhardt
Fotografin: Mareen Meyer

Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag. 

 

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